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Der Selbstausbeutungsfalle entkommen

Das Bild symbolisiert den Versuch, aus der „Selbstausbeutungsfalle“ auszubrechen, etwa durch Priorisierung (80/20-Regel) und das Erkennen von Zeitfressern.

Niedergelassene Ärzte sind nicht nur ihren Patienten verpflichtet, sondern auch ihren Mitarbeitern, ihrem Unternehmen – und vor allem sich selbst. Achtsamkeit, Resilienz und Selbstmanagement sind unverzichtbare Ingredienzien eines ebenso gesunden wie erfolgreichen Praxisalltags.

Von Volkmar Weilguni

Der Arztberuf ist in diversen Burnout-Risikobewertungen regelmäßig im Spitzenfeld zu finden. Das gilt für Klinikern und niedergelassenen Ärzten gleichermaßen. Lange Arbeitstage, hohe persönliche Verantwortung, eine steigende Erwartungshaltung der Patienten, enge Terminkorsette in der Kassenmedizin, Dr. Google als permanente externe Überwachungsinstanz im Hintergrund, Technologieumbrüche mit entsprechendem Investitionsbedarf usw. Das sind beispielhaft einige jener explosiven Zutaten, die niedergelassene Ärzte in ihrer Rolle als Gesundheitsdienstleister, Unternehmer und Arbeitgeber rasch an ihre Grenzen bringen können – manchmal eben auch darüber hinaus. Mit unabsehbaren Folgen für die eigene körperliche und mentale Gesundheit und (vorerst gedankliche) Ausstiegsszenarien.

Die gute Nachricht: Ärzten steht ein breites Unterstützungsangebot zur Verfügung. Es kann helfen, die Tücken des Praxisalltags nicht nur zu meistern, sondern diesen in einen nachhaltigen Unternehmenserfolg zu überführen. Das Angebot umfasst technische Tools (telemedizinische bzw. KI-basierte Helfer zum Beispiel) ebenso wie betriebswirtschaftliche und mentale Expertise. Wichtig ist nur, proaktiv darauf zuzugreifen – rechtzeitig, bevor es zu spät ist.

Die noch bessere Nachricht: Die wichtigsten Ressourcen stecken in einem selbst und warten nur darauf, aktiviert zu werden: ein konsequentes Zeitmanagement entpuppt sich dabei ebenso als effektive Quelle der Entlastung wie die bewusste Stärkung der Resilienz. Ein gut organisierter, strukturierter Arbeitsablauf mit Sicherheitsnetz und eine widerstandsfähige Praxis-Führung lassen nicht nur die Chefin/den Chef selbst besser schlafen, sondern wirken sich auch positiv auf das Teamgefüge und Motivation der Teammitglieder aus. Aber der Reihe nach:
 

Konsequentes Zeitmanagement

Jede Verbesserung des Praxisalltags beginnt mit einer Fehler- oder Schwächeanalyse. Es lohnt sich also, sich die Zeit zu nehmen, um die häufigsten Zeitfresser und Zeitdiebe zu identifizieren – und in der Folge zu eliminieren. Häufige Zeitfresser können u. a. sein: unklare Zuständigkeiten und Abläufe, unstrukturierte Terminvergaben, ineffiziente Dokumentationsgewohnheiten, fehlende Kommunikation im Team. 

Glaubt man der vielzitierten 80/20-Regel, reichen 20 % der eingesetzten Zeit, um 80 % der Tätigkeiten zu erledigen. Für die restlichen 20 % werden demnach 80 % der verbleibenden Zeit aufgebraucht. Hier lässt sich viel Einsparungspotenzial entdecken, denn im Praxisalltag zählt jede Minute. 

Am effektivsten lassen sich Routinen und Praxisabläufe im Team durchleuchten und gemeinsam schlanker gestalten. Eine klare Aufgabenverteilung und bewusstes Delegieren entlasten nicht nur den Einzelnen, sondern stärken auch das Miteinander. Verlässliche Kommunikationswege und regelmäßige, gut strukturierte Teammeetings sorgen zusätzlich für Orientierung. 

Auch die Effizienz und stärkende Kraft regelmäßiger kurzer Pausen sollte trotz – oder besonders wegen – steigender Arbeitslast und Termindrucks nicht unterschätzt werden. Nicht nur Spitzensportler schwören längst auf das Potenzial der Pause als Kraftquelle. Überlastung (im Trainings- wie Wettkampfalltag) führt zu Misserfolg. Das ist wissenschaftlich belegt.   

Möglichst viel Struktur, klar definierte und dokumentierte Abläufe inklusive einfach zu handhabende Checklisten geben Sicherheit, gewusst eingebaute Pausen und zeitliche Pufferzonen lassen nicht nur Raum für körperliche und emotionale Regeneration, sondern helfen auch dabei, die in jedem Praxisalltag unvermeidbaren, nicht planbaren Ereignisse zu integrieren, ohne den routinierten Arbeitsablauf innerhalb von Sekundenbruchteilen kollabieren zu lassen.

Auch digitale Helfer stehen in unterschiedlichster Form und großer finanzieller Bandbreite zur Verfügung, um die Effizienz des Praxisalltags zu verbessern. Dazu zählen Terminbuchungstools, KI-basierte Sprach-zu-Text-Systeme, automatisierte und mehrfachgesicherte Ablagesysteme und vieles andere mehr. Die gängigsten Tools sind allesamt behördlich geprüft und zertifiziert, am Markt etabliert, sicher und inzwischen auch überwiegend userfreundlich gestaltet (siehe Infobox „Zeitmanagement mithilfe der ALPEN-Methode“).

Grafik zur ALPEN-Methode für Zeitmanagement mit fünf Schritten: Aufgaben notieren, Dauer schätzen, Pufferzeit einplanen, Prioritäten festlegen und Ergebnisse überprüfen.

Resilienz-Stärkung

Der Begriff Resilienz (vom Lateinischen resilire > zurückspringen, abprallen, nicht anhaften) beschreibt den Zustand einer psychischen Widerstandsfähigkeit, Elastizität und Anpassungsfähigkeit. Resiliente Menschen verfügen demnach über die Fähigkeit, schwierige Situationen zu überstehen, indem sie auf Probleme bzw. Veränderungen mit Anpassung ihres Verhaltens reagieren. Eine Fähigkeit also, die für den Arztberuf durchaus bedeutsam ist, zählt dieser doch zu den besonders (mental) gesundheitsgefährdenden Tätigkeiten, belegt in den eingangs erwähnten Burnout-Erhebungen. 

Mentale Widerstandsfähigkeit basiert auf unterschiedlichen Säulen: Zuversicht, Wahrnehmung und Achtsamkeit, Selbstgestaltung, Akzeptanz schwieriger Situationen, ohne dabei in eine Opferrolle zu fallen, Lösungs-, Ziel- und Netzwerkorientierung, die Übernahme von Verantwortung sowie eine proaktive, optimistische Zukunftsgestaltung.

Resilienz ist immer individuell. Dennoch kann sie trainiert und gestärkt werden. Zahlreiche Institutionen in Österreich, zum Beispiel das Resilienz-Zentrum (www.resilienzzentrum.at) oder das Resilienz-Institut (www.resilienz-institut.at), bieten professionelles Coaching dafür an. Unter ihren Klienten finden sich auch zahlreiche niedergelassene Ärzte, erzählt Petra Eibl-Schober vom Resilienz-Zentrum im Gespräch mit der Ärzte-Woche. Eine Aussage, die etwas erstaunt, da in diversen Recherche-Gesprächen mit Resilienz-Experten herauszuhören war, dass Ärzte „für Themen der Selbstfürsorge oder für psychologische Unterstützung trotz des steigenden Bedarfs nach wie vor sehr schwer erreichbar sind“ (anonym).

Jedes Resilienztraining setzt das rechtzeitige Erkennen von Warnsignalen voraus bzw. stellt dieses an den Anfang des Trainingsprozesses, etwa mentale Erschöpfungszustände, wiederkehrende Schlafstörungen, Gereiztheit oder anhaltenden Zynismus. Die zu trainierenden Interventionen setzen sowohl körperliche als auch mentale und soziale Impulse. Um einen nachhaltigen Trainingsprozess zu ermöglichen, bedarf es alltagstauglicher Strategien, die sich gut in den Praxisrhythmus integrieren lassen. 

Eine Burnout-Bedrohung sieht Eibl-Schober übrigens weniger in der Länge der Arbeitszeit an sich begründet (Stichwort: 12-Stunden-Tag) als vielmehr in mangelnder Sinnstiftung: „Wenn Sinnerfahrung erlebt wird, besteht keine Gefahr der Erschöpfung. Wenn ich aber beginne, mir die Sinnfrage für mein Tun zu stellen, beginnt es, anstrengend zu werden“, so die Expertin.

Resilienz hilft dem Einzelnen genauso wie dem Praxisteam. Entsprechend können Coaching-Programme sowohl im Einzel- als auch im Gruppensetting konzipiert sein. Wichtig sei aber, so Eibl-Schober abschließend, mit dem Resilienztraining „immer bei sich selbst zu beginnen. Wenn es den Ärztinnen bzw. Ärzten gelingt, in eine resiliente Haltung hineinzukommen, dann entwickeln sie automatisch einen resilienten Führungsstil. Und nur dann können auch im Team Impulse gesetzt und das Team insgesamt gestärkt werden.“ (siehe Infobox „Praktische Tipps zur Resilienz-Stärkung“*)


Aufgrund der besseren Lesbarkeit wird in diesem Artikel auf das Gendern verzichtet. Mit Patient ist selbstverständlich auch die Patientin und mit Arzt auch die Ärztin gemeint.

Grafik mit praktischen Tipps zur Stärkung der Resilienz im Alltag, darunter Rituale integrieren, positive Gedanken fördern, kurze Pausen einlegen und persönliche Motivation reflektieren.