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Werteverschiebung- oder Strukturproblem?

Wie sich die Arbeitsmoral junger Ärztinnen und Ärzte von der Babyboomer-Generation unterscheidet.

Wer heute über die jüngere Ärztegeneration spricht, hört schnell die alten Vorwürfe: weniger belastbar, weniger einsatzbereit, anspruchsvoll bei der Freizeit. Doch ein nüchterner Blick auf die Daten zeigt etwas anderes als simple Bequemlichkeit. Er zeigt einen tiefgreifenden Wertewandel – und eine Generation, die aus den Erfahrungen ihrer Vorgänger gelernt hat. In Österreich fällt dieser Wandel mit einer demografischen Zäsur zusammen, die das Gesundheitssystem an den Rand der Belastbarkeit bringt.
 

Das Leitmotiv der Boomer: Leistung als Lebensinhalt

Um den Wandel zu verstehen, lohnt der Blick auf das, was die ältere Generation geprägt hat. In der deutschen „WirtschaftsWoche“ fasst Dr. Andreas Hillert, Chefarzt an der Schön Klinik Roseneck in Bayern, ihr prägendes Lebensmotto so zusammen: „Nur wer etwas leistet, ist etwas wert!“ Diese Haltung habe zum Wirtschaftswachstum beigetragen, sie barg aber ein hohes Risiko: „Mit entsprechenden Mustern sind viele an ihre Belastungsgrenzen gekommen.“ Strenge Hierarchien, lange Präsenzzeiten und die Identifikation über den Beruf gehörten zur Selbstverständlichkeit. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet diese Generation den Begriff Burnout populär gemacht hat.
 

Was die junge Generation will – und warum

Die nachrückende Generation tickt anders – auch in Österreich. In einer Befragung der Österreichischen Ärztekammer unter 1.224 Ärztinnen und Ärzten in Ausbildung zeigte sich: Neben der Qualität der Ausbildung sind Work-Life-Balance sowie Standort und Erreichbarkeit ausschlaggebend für die Wahl des Ausbildungsplatzes. Diese Haltung dokumentiert das „Deutsche Ärzteblatt“ für den gesamten deutschsprachigen Raum. Dort heißt es: „Work-Life-Balance ist ein Markenzeichen der jungen Generation“ – eine Erwartung, die zu opfern sie nicht mehr bereit ist. Wichtig ist dabei die Begründung: Es geht nicht um Arbeitsscheu, sondern um eine bewusste Lehre aus dem, was man bei den Älteren beobachtet hat. In einer Leserzuschrift formuliert eine jüngere Ärztin: „Wir haben bei den Babyboomern gesehen, dass das nicht glücklich macht.“ Mehr als Geld zähle die Vereinbarkeit von Familie, Freizeit und Beruf. Jedes Lebensmodell müsse respektiert werden, sagt etwa Dr. Michael Sacherer, Präsident der Steirischen Ärztekammer: „Das darf nicht nur am Papier existieren, sondern muss am Arbeitsplatz auch gelebt werden. Es geht konkret um eine lebensphasenorientierte Arbeitszeit.“

Hinzu kommt ein struktureller Faktor, der die Rechnung weiter verschärft: die Feminisierung des Berufs. In der Ärztestatistik 2024 wird der Frauenanteil unter allen eingetragenen Ärztinnen und Ärzten mit 49,9 Prozent ausgewiesen, in der Allgemeinmedizin sogar mit über 60 Prozent. Das ist gesundheitspolitisch erfreulich, hat aber Folgen für das verfügbare Arbeitsvolumen: Die Ärztekammer verweist auf hohe Teilzeitquoten, und der Nachbesetzungsbedarf wird auch deshalb höher angesetzt, weil ein wachsender Anteil der Ärzteschaft nicht in Vollzeit arbeitet (siehe Kasten „Teilzeit-Trend in Zahlen“).
 

Das Bild zeigt den Teilzeit-Trend in Zahlen, zu sehen: Textabschnitte über die Entwicklung von Teilzeitarbeit in Österreich. Folgende Daten werden dargestellt – Teilzeitquote bei Ärzten (2013: 15%, 2019: 26%, 2022: 31%), Teilzeitquote in der Gesamtbevölkerung (2013: 12%, 2019: 36%) sowie ein Expertenkommentar von Dr. Daniel von Langen von der Österreichischen Ärztekammer zur Rückkehr des Teilzeit-Trends und zur konstanten Anzahl junger Ärzte in Österreich.

Werteverschiebung – oder Strukturproblem?

Wird der junge Ärzte-Nachwuchs zum „Problem“ erklärt, lenkt das von der Kenntnisnahme der neuen Zeiten ab. In einer Leserzuschrift im „Deutschen Ärzteblatt“ wird der Spieß umgedreht: Vielleicht sei nicht die junge Ärzte-Generation das Problem, sondern Arbeitsbedingungen, die über Jahrzehnte krankmachten und einfach hingenommen wurden.

Auch österreichische Standesvertreter erkennen den Zusammenhang zwischen Wertewandel und Versorgungslücke. In einer Aussendung der Ärztekammer forderte Dr. Stefan Ferenci (damals Obmann der Bundessektion Turnusärzte) schon vor Jahren ausdrücklich moderne Work-Life-Balance-Modelle – sonst, so seine Warnung, „werden wir junge Ärzte ans benachbarte Ausland verlieren.“ In einer Bedarfsstudie aus Vorarlberg, über die der ORF berichtete, zeigt sich, wie real das ist: Aus einem durchschnittlichen Ausbildungsjahrgang verlassen 48,5 Prozent das Land; gegen eine Anstellung im heimischen Krankenhaus sprachen für 86 Prozent die hohe Arbeitsbelastung sowie die mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Auch Klinikführungskräfte beginnen umzudenken. Im „Deutschen Ärzteblatt“ betont der Kinderarzt und Klinikmanager Prof. Wolfgang Kölfen, dass junge Ärztinnen und Ärzte sehr wohl für ihren Beruf brennen – genau wie die Boomer, aber nicht zur Selbstaufgabe bereit sind. Seine Konsequenz für die Führung ist eindeutig: „Wenn wir nicht alleine arbeiten wollen, müssen wir umdenken.“ Klare Kommunikation, Feedback auf Augenhöhe, Rücksicht auf private Belange – was in anderen Branchen längst selbstverständlich ist, hält allmählich Einzug in die Kliniken.

 

Eine österreichische Antwort: die Primärversorgungseinheiten

Bemerkenswert ist, dass Österreich auf genau diese Wünsche bereits ein eigenes Versorgungsmodell zugeschnitten hat: die Primärversorgungseinheiten (PVE). Mit der Ärztegesetz-Novelle Ende 2018 wurde erstmals die Anstellung von Ärztinnen und Ärzten bei anderen Ärztinnen und Ärzten möglich. Damit ist die zentrale Forderung der Jungen erfüllbar: angestellt arbeiten zu können, statt sofort in die unternehmerische Selbstständigkeit einer Einzel-Kassenpraxis gedrängt zu werden.

Inwiefern berücksichtigt das Modell die Ansprüche der jungen Generation – und wie? Auf seiner Informationsseite „Mehr Gesundheit durch eine gestärkte Primärversorgung" nennt das Gesundheitsministerium die Vorteile der Teamarbeit: „Bessere Work-Life-Balance, flexiblere Arbeitszeit- und Urlaubsplanung" sowie regelmäßiger fachlicher Austausch; zudem entlaste die kooperative Teamarbeit von Bürokratie und erlaube die Konzentration auf die medizinische Tätigkeit. Im PVE-Informationsmaterial der Ärztekammer für Oberösterreich heißt es, dass gerade für Jungärztinnen und Jungärzte die Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch die flexible Gestaltung der Arbeitszeiten im Team gewährleistet werde. 

In einer qualitativen Befragung junger Allgemeinmedizinerinnen und Allgemeinmediziner, über die das Branchenmedium „nextdoc“ im Jahr 2021 berichtete, deutet sich an, dass das nicht nur Broschürensprache ist: Organisationsformen mit mehreren Ärztinnen und Ärzten wurden gerade hinsichtlich Work-Life-Balance „als positiv und familienfreundlich bezeichnet“, während die Einzelordination fehlenden Austausch und zu viel Arbeit mit sich brächte. In einer Analyse des PVZ-Projekts NAVIGATION wird auf den Punkt gebracht, warum der Strukturwandel besonders die junge – und zunehmend weibliche – Generation betrifft: „Das Kleinunternehmertum einer eigenen Kassenpraxis ist mit aktiver Elternschaft kaum vereinbar.“
 

Fazit für die Praxis in Österreich

Der Generationswechsel ist nicht aufzuhalten, und er ist mehr als ein Generationenkonflikt. Die scheidenden Babyboomer haben das System mit enormem persönlichem Einsatz getragen – und dafür oft mit ihrer Gesundheit bezahlt. Die nachrückende Generation zieht daraus eine logische Konsequenz: Sie will engagiert arbeiten, aber nicht um den Preis von Erschöpfung und Familie.

Für österreichische Spitäler und Ordinationen ist das angesichts von rund 18.000 anstehenden ärztlichen Pensionierungen und unzureichendem Nachwuchs weniger eine Frage der Moral als des Überlebens. Mehr Studienplätze allein lösen das Problem nicht, solange ein Drittel der Ausgebildeten das Land verlässt. Wer gute Leute halten will, muss bieten, was die junge Generation einfordert: geregelte und planbare Arbeitszeiten, echte Teilzeit- und Karenzmodelle, weniger Bürokratie, flachere Hierarchien, moderne Kassenverträge und eine ernstgemeinte Vereinbarkeit von Beruf und Leben. Mit den Primärversorgungseinheiten besitzt das Land bereits ein Instrument, das viele dieser Wünsche bündelt – es muss nur entschlossen genug ausgebaut werden. Die jüngere Generation ist nicht weniger leistungsbereit – sie definiert nur neu, wofür sich Leistung lohnt. Österreich wird sie nur halten, wenn es ihr zuhört.
 

Bericht: Josef Broukal

Interview mit Dr. Kim Haas:

Porträtfoto von Dr. Kim Haas

„Die Jungen sollen nicht den Stempel bekommen, dass wir keine Lust haben zu arbeiten“

Dr. Kim Haas, stellvertretende Obfrau der Kurie der angestellten Ärzte in der Österreichischen Ärztekammer, über veränderte Rahmenbedingungen, den Preis der alten „Rund-um-die-Uhr“-Medizin und die Frage, warum ein Leben neben dem Beruf keine Bequemlichkeit ist, sondern gesund.

Ärzte Woche: Worin unterscheiden sich Arbeitsauffassung und Arbeitsbegeisterung der in Pension gehenden Babyboomer von der jüngsten Ärztegeneration?

Kim Haas: Der Hauptunterschied liegt für mich auf jeden Fall an den Rahmenbedingungen, weil wir heute einfach andere haben. Da ist zum einen die enorme Vielfalt der Medizin, die sich seit den Anfängen der Babyboomer so stark weiterentwickelt hat. Und man muss fair vergleichen: die junge Generation mit jenem Zeitpunkt, als die Älteren im selben Alter anfingen – nicht mit einer heute 50-Jährigen. Wir haben andere gesetzliche Vorgaben, eine Arbeitszeitbegrenzung, begrenzte Stellen und eine neue Ausbildungsordnung. Letztere ist gut, weil sie – wenn es zeitlich möglich ist – eine bessere Eins-zu-eins-Zeit mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen erlaubt. Gesetzlich sind für uns keine 72 Wochenstunden mehr möglich; das lange übliche Opt-out fällt weg, und schon das begrenzt unsere Arbeitszeit.
 

Ärzte Woche: Der jungen Generation wird oft nachgesagt, sie sei weniger einsatzbereit. Welchen Stellenwert hat der Beruf im Leben junger Ärztinnen und Ärzte – anders als früher?

Haas: An der Arbeitsmoral selbst hat sich aus meiner Sicht wenig geändert. Den Arztberuf muss man wirklich wollen – das ist allen bewusst, denn den MedAT macht niemand aus Jux. Die Vorbereitung ist sehr viel Arbeit, und diesen Weg einzuschlagen bedeutet viel Verantwortung. Deshalb würde ich niemandem unterstellen, dass wir fauler geworden sind, wie oft behauptet wird. Wir haben nur gelernt, dass das Leben nicht nur aus dem Beruf bestehen sollte – wir leben ein gesundes Maß an Vielseitigkeit.

Früher waren es vor allem Männer; Ärztinnen gab es kaum, weil der Beruf zu zeitaufwendig war und kaum Zeit für Familie ließ. Über die Jahre wurde er familienfreundlicher und weiblicher – was ich schön finde. Ich bin aus Berufung Ärztin und liebe es, im Krankenhaus zu sein. Ich glaube sogar, das war ein gesunder Umschwung für die eigene Gesundheit. Früher hat man sich zu Tode gearbeitet, die Familie kaum gesehen, war rund um die Uhr erreichbar und tat alles für andere, nichts für sich – auch zu viele Nachtdienste sind nicht gesund. Insofern sind die heutigen Rahmenbedingungen gut. Dafür gibt es neue Belastungen: Bürokratie, Papierkram, ständiges Abtippen. Ich arbeite gern am Patienten, brauche danach aber im Durchschnitt 15 bis 20 Minuten für die Dokumentation.
 

Ärzte Woche: Was möchten Sie der jungen Generation – und ihren Kritikern – zum Abschluss mitgeben?

Haas: Die Jungen sollten keinesfalls den Stempel bekommen, dass wir keine Lust haben zu arbeiten – das ist absolut nicht der Fall. Ich bin zweifache Mama, mit einem fünfjährigen Buben und einer dreijährigen Tochter, im Krankenhaus zu 75 Prozent angestellt – und mache genau diese Stunden oder etwas mehr. Dazu kommt meine Tätigkeit in der Ärztekammer; insgesamt bin ich mit 100 bis 120 Prozent ausgelastet. Mir ist wichtig, dass man sieht, wie sehr sich die Leute trotzdem bemühen. Und wenn jemand bei den Jungen 75 Prozent arbeitet, ist das sehr oft – das ergab eine Umfrage – ein Thema der Care-Arbeit und des Familienalltags.

MAT-AT-2600955-1.0-09/2026